Sicherheitsschuhe im Bergbau: Spezieller Fußschutz für unter Tage

  • Sicherheitsschuhe im Bergbau:

    Interview mit Udo Schulz (RAG)

    Bastian Linsen, 18.01.2017

Nur wer speziellen Fußschutz trägt, darf unter Tage!

Udo Schulz (Bild unten, 2. von links) kennt sich aus. Seit 39 Jahren arbeitet er bei der RAG Aktiengesellschaft und ist als Gruppenleiter für die Arbeitssicherheit zuständig. Die Persönliche Schutzausrüstung (PSA) – darunter fallen natürlich auch Sicherheitsschuhe – ist sein Fachgebiet. Aktuell wirkt er an einer Buchreihe zur Geschichte des Steinkohlenbergbau mit, ein Kapitel ist der Entwicklung des Fußschutzes in diesem Bereich gewidmet. Seine Recherchen führten ihn auch zu uns an den Niederrhein, wo er sich mit unserem ehemaligen Geschäftsführer Heinz van Elten (rechts) austauschte. Wir haben die Gelegenheit genutzt, um ein Interview mit dem Experten zu führen!

Frage: Sie befassen sich schon viele Jahre mit Arbeitssicherheit. Wie hat sich ihr Stellenwert im Laufe der Zeit verändert?

Udo Schulz: Grundsätzlich sind bei uns im Unternehmen Arbeitssicherheit und Produktion gleichrangig. Arbeitssicherheit ist damit ein ganz wesentliches Unternehmensziel. Der deutsche Steinkohlenbergbau ist der sicherste weltweit. Jeder einzelne Unfall wird im Detail aufgearbeitet und analysiert, um genau zu wissen, wie man ihn vermeiden kann. Gab es 1995 noch 57,5 Unfälle je 1 Million Arbeitsstunden, sank die Zahl kontinuierlich – bis August 2016 auf 3,7.

Erste Normen für Sicherheitsschuhe im Bergbau hat es bereits 1951 gegeben. Was hat sich beim Fußschutz in diesem Bereich getan?

Damals wurden noch halbhohe Sicherheitsstiefel getragen, die eine genagelte Sohle hatten. Die Schuhe verschlissen schnell, bis man widerstandsfähigere Obermaterialien verwendete. Auch im Innenschuh blieb es nicht beim einfachen Leder: Dort findet sich heute textiles und atmungsaktives Futtermaterial, wie es in Sportschuhen verwendet wird. Ein weiteres Beispiel ist die durchtritthemmende Sohle aus Metall. Sie war Mitte der 1980er Jahre eine Reaktion auf Durchtrittunfälle im Zusammenhang mit Baumaterialien, die zugeschnitten wurden und auf dem Boden liegenblieben.

Die Entwicklung ging also einher mit anderen Prozessen des Fortschritts. Zudem haben Hersteller auf Bedürfnisse der Anwender reagiert. Gilt das beim Fußschutz auch heute noch?

Klar, denn neben den gesetzlichen und normativen Vorgaben kommt es auch auf den Tragekomfort an. Die Sicherheitsschuhe müssen bequem sein und dürfen nicht als störend empfunden werden. Nur so werden sie von unseren Mitarbeitern akzeptiert und auch dauerhaft getragen. Auf diese Weise entsteht bestmögliche Sicherheit. Nicht zu vernachlässigen ist ein stimmiges Preis-Leistungs-Verhältnis.

Was müssen Sicherheitsschuhe noch bieten, damit sie den Anforderungen im Bergbau gewachsen sind?

Eine grobstollige Laufsohle mit mindestens fünf Millimetern Profiltiefe ist ebenso wichtig wie hohe Sicherheitsstiefel, die Umknickunfällen vorbeugen. Diese Hochschäfter benötigen wir, weil es im Untertagebetrieb keine ebenen Fahrwege gibt, sondern steinige, unebene Böden. Was die Art des Schuhs angeht, gehen wir daher keine Kompromisse ein: Ohne einen so beschaffenen Hochschäfters gibt es keine Anfahrt nach unter Tage! Zudem setzen wir unter Tage Bindemittel ein, um Staubexplosionen zu vermeiden. Diese Mittel greifen jedoch das Obermaterial der Schuhe an. Also muss das eingesetzte Leder entsprechend gegerbt sein, ansonsten schrumpft es. Der Schuh wird unbrauchbar.

Gibt es noch weitere Kriterien für Sicherheitsschuhe im Bergbau?

Der Umgang mit schwerem Werkzeug, Steine, die herumliegen oder auf den Fuß herabfallen, sowie das auftretende Wasser erfordern diverse Ausstattungsmerkmale. Dazu gehören Knöchelschutz, durchtritthemmende Zwischensohlen, Zehenschutzkappen aus Metall, eine wasserabweisende Imprägnierung und rutschhemmende Laufsohlen. Ein kleines, aber erwähnenswertes Detail sind die Schnürsenkel. Da hat man vom Eishockey gelernt: Sie sind wachsgetränkt, um sie widerstandsfähig gegenüber dem Staubbindemittel zu machen. Die Schnürung muss zuverlässig sein.

Inwieweit spielt der Austausch mit Fußschutzherstellern eine Rolle bei der Entwicklung geeigneter Schuhe?

Wir benötigen einen Spezialschuh, der fast ausschließlich in unserem Bereich zum Einsatz kommt. Unser Jahresbedarf ist inzwischen auf einen Bruchteil dessen gesunken, was wir etwa vor 20 Jahren benötigt haben. Das hat damit zu tun, dass sich der deutsche Steinkohlebergbau auf seinem geplanten Auflaufkurs befindet und die Zahl der Mitarbeiter dadurch stetig gesunken ist. Für uns bedeutet das, dass wir nun ausschließlich mit dem Hersteller ELTEN kooperieren. Der Austausch ist rege, wir geben Impulse weiter. Das vorhin genannte Futtermaterial war beispielsweise eine der Anregungen unseres Partners vom Niederrhein.

Wie konnten Sie wissen, ob das Futtermaterial Akzeptanz findet?

Wir haben eigens ELTEN-Modelle erhalten, die von unseren Mitarbeitern unter Tage getragen wurden. Im Anschluss daran haben sie einen Fragebogen ausgefüllt. So erfuhren wir, ob das Material besser oder schlechter geeignet ist als das des Vorgängermodells. Wir beteiligen unsere Mitarbeiter grundsätzlich von Anfang an bei der Auswahl von PSA und führen ausreichend umfangreiche Tests durch, um repräsentative Aussagen zu erhalten.

Schutzfunktion und Normerfüllung sind vorrangig. Beschäftigte erwarten gleichzeitig aber Tragekomfort. Wie gehen Sie auf individuelle Bedürfnisse ein?

Unsere Mitarbeiter verbringen acht Stunden unter Tage. Sie haben oft unwegsame Strecken von bis zu fünf Kilometern zu ihren Arbeitsstellen, die sie teils zu Fuß bewältigen. Dem müssen die Schuhe standhalten – und die Mitarbeiter sollen dabei natürlich keiner Druckstellen davontragen. Umfragen haben ergeben, dass 95 Prozent unserer Mitarbeiter die Einheitsweite 10 passt. Sowohl jene mit schmaleren als auch mit breiteren Füßen zeigten sich zufrieden. Für Kollegen mit besonders breiten Füßen ist uns ELTEN mit Sonderlösungen entgegengekommen. Und Allergiker haben chromatfreie Schuhe erhalten, bei denen Kunststoff statt Leder verwendet wird.

Sie arbeiten bei der RAG derzeit an einem Buchprojekt. Was steckt dahinter?

In der Geschichte der Steinkohleförderung wurde einiges bewegt, auch von uns. Das wollen wir der Nachwelt durch eine Buchreihe erhalten. Ein Part trägt den Arbeitstitel „Schutzschuhe im deutschen Steinkohlenbergbau“. Da ich seit 1977 im Unternehmen bin, die Ruhrkohle AG sich aber schon einige Jahre zuvor gründete, fehlt mir ein Stück aktiv miterlebte Geschichte, auch in Bezug auf Fußschutz. Daher sind wir auf ELTEN zugegangen. Das Fachwissen von Heinz van Elten half, diese Lücke zu schließen. Mehr noch: Alle offenen Fragen wurden uns kompetent und mit größter Hilfsbereitschaft beantwortet. Wir werden ELTEN vor dem Andruck erneut kontaktieren, um die Fakten über Fußschutz im Bergbau korrekt in das Buch einfließen zu lassen. Auf das Know-how setzen wir gerne.


18. Januar 2017 / von Bastian Linsen